Neulauterburg - frühe Geschichte
Die Geschichte Neulauterburgs ist eng mit der Lauterburgs verknüpft. Die Stadt Lauterburg, die schon als römisches Kastell (Tribuni) existierte, fiel 1252 an den Bischof von Speyer, erhielt eine Garnison und wurde Sitz einer Präfektur, die vom Seltzbach bis zur Queich reichte und 3 Städte und 60 Dörfer umfasste. Erst nach der französischen Revolution von 1789 verlor der Bischof von Speyer seine Besitztümer. Der Canton Lauterburg wurde gegründet und umfasste die Dörfer Neeweiler, Scheibenhardt, Niederlauterbach, Salmbach, Schleithal, Büchelberg, Berg, Neuburg, Hagenbach und Pforz. Mit dem Wiener Kongress von 1815 verliert Lauterburg alle Besitztümer nördlich der Lauter. Neulauterburg kam zur bayerischen Pfalz und gehört seit Ende des Zweiten Weltkrieges zum Bundesland Rheinland-Pfalz.

Der Galgenberg in Neulauterburg
Der Galgenberg war eine Exekutionsstätte der Stadt Lauterburg, die zwei davon hatte. Er wurde um 1500 aufgestellt und verblieb dort bis zum Ausbruch der französischen Revolution. Die Balken wurden unter wildem Gejohle des anwesenden Volkes auf dem Schlossplatz in Lauterburg verbrannt.

Lauterburg mit dem Galgenberg

Undatierter Kupferstich mit Blick auf Lauterburg und den Galgenberg

 

Entstehung des Ortes
Mündlicher Überlieferung zufolge entstand der Ort, weil die ehemalige Festung Lauterburg abends die Stadttore schloss und keine Reisenden mehr hinein ließ. So schuf man vor den Toren der Stadt Übernachtungsmöglichkeiten. Die älteren Einwohner berichten von mindestens sieben Wirtshäusern. Nachweislich gab es 1882 fünf Gaststätten. Davon sind heute noch zwei übrig geblieben.

Anhand der bislang von mir persönlich ausgewerteten Originaldokumente des Landesarchivs in Speyer, der Katasterämter in Grünstadt und Germersheim sowie des Grundbuchamtes in Kandel ergibt sich folgendes Bild:

Neulauterburg ist eine Anlage aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Weiler vor den Toren der französischen Grenzstadt gehörte bereits damals zu der Gemeinde Berg, Canton Kandel, Landkommissariat Germersheim im Regierungsbezirk Pfalz des Königreiches Bayern. Zu dem Weiler gehörte eine bayerische Zollstätte. Er bestand ferner aus ’Wirthen, Handels- und Gewerbsleuten’. Dem alten Lauterburg auf dem rechten Lauterufer gegenüber entstanden auch auf dem linken Wohnstätten und erhielten danach das vorgesetzte ’Neu-’. Da die Grenze durch den Fluss dargestellt wird, gehört Neulauterburg nicht zum elsässischen Lauterburg, sondern zur pfälzischen Gemeinde Berg. ’Die Häuser bieten nichts Bemerkenswertes. Am Ostausgang des Ortes befindet sich ein Steinkruzifix auf klassizistischem Tischsockel, bez. 1830, renoviert 1881’.

In einer französichen Ortsbeschreibung wird von der Errichtung einer Ziegelei um 1815 berichtet. Alle damals existierenden Häuser, neun an der Zahl, seien Herbergen oder Geschäfte gewesen. Ein Schlagbaum in den bayerischen Farben wird vor dem Gasthof Bayerischer Hof beschrieben. Neulauterburg beherbergte ferner ein bayerisches Zollbüro, eine Zollabfertigung, einen Gendarmerieposten und einen Forsthüter. Der Ort zählte 70 Seelen. In einer ’Beschreibung der Pfarrei’ von 1825 wurde der Ort lediglich als ’Ziegelhütte bei Lauterburg mit 30 Katholiken’ bezeichnet. Eine Ziegelhütte gab es tatsächlich, der Flurname ’Ziegelhütte und Schafhof’ ist übriggeblieben.

In einer Beschreibung von 1858 heißt es: “Die Gegend um Lauterburg und Selz ist völlig eben, der Rhein umfließt in hundert Armen hunderte von grünen, buschigen Rheinauen. Lauterburg unmittelbar gegenüber auf bayerischem Gebiet liegt das junge Dorf Neulauterburg. Das Dorf entstand aus Niederlassungen von Wirthen und Handelsleuten, die hier der Grenzstadt gegenüber gute Geschäfte zu machen hofften.”

Berger Schöffenratsbeschluss von 1838
In einem Schöffenratsbeschluss vom 30.04.1838 steht geschrieben: Neulauterburg wird bei Zählung der Bürgersfamilien nicht mitgerechnet, weil es mit Berg nichts gemein hat und blos durch die Bürgermeisterei Berg mitverwaltet wird.
Plötzlich stößt man im Ratsbeschluss vom 19.12.1855 im Zusammenhang mit der Einführung eines Bürgereinzugsgeldes für den Weiler auf andere, neue Erkenntnisse. Demzufolge ist Neulauterburg bereits im Jahr 1816 de facto mit der Gemeinde Berg vereinigt worden, wobei ein kaiserliches Decret Napoleons vom 17.01.1813 zitiert wird. Das Königliche Kreiskommissariat in Germersheim hat dann grundsätzlich entschieden, dass Neulauterburg keine besondere Gemeinde, sondern Bestandteil der politischen Gemeinde Berg sei. So ist es bis heute leider geblieben.

Grenzsteine

 

 

Grenzstein, französische Seite, F=Frankreich

Grenzstein, deutsche Seite, B=Bayern

Grenzstein mit Datumsangabe 1826

 

 

 

Jahrmärkte in Neulauterburg
Neulauterburg war schon früher ein geschäftlicher Umschlagplatz. Um 1880 gab es drei Jahrmärkte, den Ostermarkt, den Pfingstmarkt und am zweiten Dienstag im Oktober den Gallusmarkt. Es waren Krämermärkte für die benachbarte Landbevölkerung, zeitgleich fanden diese Märkte auch im gegenüberliegenden Lauterburg statt. Auch eine Kichweih gab es in Neulauterburg.

Lauterzeitung in Neulauterburg
Um 1887 hatte sich im Haus Nr. 7 die ’Lauterzeitung’ etabliert. 1887 hatte sie eine Auflage von 513 Exemplaren, wovon sogar fünf Exemplare nach Amerika verschickt wurden.

Entwicklung der Baulichkeiten
In den dreissiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Pfalz flächendeckend katastermässig erfasst. Diese sogenannte Uraufnahme erfolgte für Neulauterburg in der Zeit zwischen dem 16.08.1838 und dem 02.09.1838. Vermessen wurde durch den Obergeometer Kunig und revidiert von Karl Hiemer in derselben Zeitspanne. Bei der Vermessung waren die jeweiligen Grundstückseigentümer zugegen und haben entsprechende Angaben zu den Grenzen bzw. Besitzverhältnissen gemacht. Für die Verkartung wurden der Torturm von Lauterburg, der nördliche Giebel der Kaserne und das Magazin von Lauterburg als Messpunkte zugrunde gelegt.
Die Uraufnahme von 1838 weist zehn Anwesen aus, von denen heute noch sechs bestehen. Zwei Anwesen in der Nähe des Grenzüberganges sind heute nicht mehr vorhanden. Sie wurden noch vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges abgerissen, damit die Grenzbeamten einen besseren Blick und besseres Schussfeld Richtung Scheibenhardt hatten. Bis zur Jahrhundertwende wurden bei den bestehenden Höfen kleinere bauliche Veränderungen, meistens in Form von Scheunen, Schuppen und Ställen vorgenommen. Der interessierte Heimatforscher kann diese Veränderungen anhand der Unterlagen des Katasteramtes nachvollziehen. Die Besitzverhältnisse können aus den Grundsteuer-Katastern und den Grundsteuer-Umschreib-Katastern gewonnen werden. Diese lagern beim Landesarchiv in Speyer.

 

 

 

Grenzübergang Neulauterburg 1907

Grenzübergang in den sechziger Jahren

Postkarte von 1907 mit Gendarmen Roth
(Neulauterburg) und Hesser (Lauterburg)

Grenzübergang Anfang der 60-iger Jahre
aus Richtung Frankreich gesehen

Die Grenze
Fährt man heute durch den Ort in Richtung Lauterburg/Elsaß, merkt man kaum noch, dass man eine Staatsgrenze passiert. Kein Schlagbaum, kein Zöllner mit unangenehmen Fragen (’Was haben Sie zu verzollen?’) erinnert mehr an den einstigen Grenzübergang. Geblieben ist auf deutscher Seite der Zollpavillon, den man besser abgerissen hätte. Er stand seit Jahren leer und dient heute dem Berger Gemeinderat als Fass ohne Boden für unsere Steuergelder. Auf französischer Seite hat man das aus den zwanziger Jahren stammende Zollhaus in eine Beratungsstelle umfunktioniert und das Pamina- Büro dort eingerichtet. Neulauterburg war von 1815 bis 1871 Grenzübergang. Nach dem deutsch- französischen Krieg kam das Elsaß zum deutschen Reich, die Zollstelle wurde aufgelöst und erst wieder 1918 eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenze von französischer Militärpolizei bewacht. Deutsche Zöllner versahen erst wieder ab 1948 hier ihren Dienst bis zur endgültigen Abschaffung des Zolls durch das Schengener Abkommen. Was die Grenze den Bewohnern abverlangte kann man sich nur schwer vorstellen, wenn man die vielen Reglements und Schikanen nicht selbst miterlebt hat. Als Grenzbewohner haben wir immer alle politischen Spannungen zu spüren bekommen.

Sehr interessante Informationen über Zollgeschichte und viele Bilder über ehemalige Zollstationen findet man unter www.zollgeschichte.de.

Wer Informationen über die Ereignisse um Neulauterburg während des zweiten Weltkrieges erfahren möchte, findet diese hier (mit freundlicher Genehmigung von Frau Rosi Lauber).

Verkehr ohne Ende
Anfang der 60-iger Jahre entwickelte sich Neulauterburg zum größten Grenzumschlagplatz in Rheinland-Pfalz mit bis zu 50.000 Lastkraftwagen jährlich. Der Verkehr wurde von Jahr zu Jahr reger. In Spitzenzeiten taten über 60 Beamte hier Dienst. Es herrschte ein heute nicht mehr vorstellbarer Hochbetrieb, die LKW standen beiderseits der Grenze in langen Schlangen und warteten auf ihre Abfertigung. Der Personenverkehr nahm ebenfalls weiter zu, da sehr viele Pendler aus dem Elsaß täglich zur Arbeit nach Deutschland fuhren. Unter dieser ungeheueren Verkehrslast musste die Bevölkerung des kleinen Ortes über 25 Jahre leiden. Die Wende kam erst 1985 mit dem neu erbauten Grenzübergang Bienwald. Zur Ruhe kam der Ort damit aber trotzdem nicht. Die nahe gelegene, 1975 eröffnete Kreismülldeponie, die an dieser Stelle niemals hätte errichtet werden dürfen, bescherte uns Abertausende von Mülltransportern, Lärm und Gestank. Unvergessen bleibt der jahrelange Verkehrsterror durch die zahllosen Lastwägen, die über 500.000 Tonnen Müll durch den kleinen Ort transportierten. Was unter dem Müllberg noch an Gefahren schlummert, weiß niemand.

 

Quellen:
J. Bentz, Description historique et archéologique de Lauterbourg, Reprint aus dem Jahre 1844,
Res Universis, Paris 1993 ;
Rolf Übel, Die Festungen an Queich und Lauter, K&K Verlagsanstalt, Herxheim 1996;
Ludwig Stehle, Berger Ortschronik, Selbstverlag 1980;
Dr. Ernst Christmann, Die Siedlungsnamen der Pfalz, Speier 1952;
Michael Frey, Allgemeiner Überblick der Geschichte des königlich bayer. Rheinkreises, Speyer 1836;
Michael Frey, Versuch einer geographisch-historisch-statistischen Beschreibung des königlich bayer. Rheinkreises, Speyer 1836
August Becker, Die Pfalz und die Pfälzer, Leipzig 1858
Anton Eckardt und Alexander Freiherr von Reitzenstein, Die Kunstdenkmäler in der Pfalz, Band V, Bezirksamt Germersheim, München 1937;
Landesarchiv Speyer, Repertorium der Plan- und Haus-Nummern, Archivbestand L 66, 197;
Landesarchiv Speyer, Grund-Steuer-Kataster, Archivbestand L 56, 871;
Landesarchiv Speyer, Grund-Steuer-Umschreib-Kataster, Archivbestand L 57, 1770;
Katasteramt Grünstadt, Uraufnahme von Neulauterburg, Nr. S. W. XXV 9.a von 1838;
Katasteramt Germersheim, Auszüge aus den ABC-Blättern, Folio 186 Kandel, Nr. 211a-c;
Grundbuchamt Kandel, Grundbuch von Berg, Blatt 005;

 

 

Grenzübergang in Neulauterburg im Jahre 1987

Zollübergang Neulauterburg, wie er heute nicht mehr besteht, Aufnahme von August 1987